Okt
17
2021

AusweisApp2 unter Ubuntu nutzen

Neulich bin ich in die Welten der digitalen deutschen Behörden vorgedrungen. Mit AusweisApp2, RFID Kartenleser und Personalausweis konnte ich bequemer als gedacht mein Auto ummelden. Ein Erfahrungsbericht.

Wie es dazu kam…

Ich bin vor wenigen Monaten umgezogen (was auch die Ruhe auf dem Blog erklärt) und musste mich dementsprechend überall und nirgends ummelden. Das Einwohnermeldeamt erreiche ich in 5 Minuten mit dem Fahrrad – das war kein Problem. Problematisch war für mich jedoch, dass ich, obwohl ich bloß zwei Orte weiter gezogen bin, in einem anderen Landkreis bin. Damit habe ich ca. 37 km (mal zwei) Fahrtstrecke, um bspw. nur mein Auto umzumelden.

Mit dem Gedanken daran, dass wir im Jahre 2021 sind und jeder Digitalisierung schreit, habe ich mir dann gedacht, dass das doch auch irgendwie digital gehen sollte. Ein Blick auf der Website meines Landkreises verriet mir, dass dieser doch tatsächlich i-KFZ nutzt und ich alles Online abwickeln kann. Nach etwas Klickerei kam ich dann darauf, dass ich ein Servicekonto Thüringen benötige, um derartige Dienste zu nutzen. Okay, kein Problem – die Registrierung war spielend einfach.

Die AusweisApp2

Doch es stellte sich heraus, dass i-KFZ natürlich nicht nur so einen Account, sondern auch den Personalausweis sehen wollte. Als Info stand dort, dass ich hierzu die AusweisApp2 der Governikus GmbH & Co. KG benötige. Also ging ich auf deren Website und sah folgendes:

Download-Seite der AusweisApp2
Download-Seite der AusweisApp2

Das war natürlich an dieser Stelle recht suboptimal, da ich ein überzeugter Linux-User bin. Micro$oft Windows ist bei mir schon lange ausgezogen. Mein googlefreies Android Smartphone kann keine RFID Karten auslesen und Apple… dieses Unternehmen ist es nicht einmal wert, genannt zu werden.

Nachdem ich mich schon aufgeregt hatte, wie so etwas bei behördlichen Angelegenheiten sein kann, fiel mir zum Glück auf, dass die AusweisApp2 ein OpenSource Projekt ist. Der Quellcode ist tatsächlich auf GitHub verfügbar.

Daraufhin habe ich einmal die Suchmaschine meines Vertrauens bemüht. Und siehe da – es gibt tatsächlich Menschen, welche die Anwendung für Ubuntu bauen UND sogar eine brauchbare Dokumentation. Siehe Elektronischer Personalausweis im Ubuntu Wiki.

Nach einem beherzten sudo apt update && sudo apt install ausweisapp2 war das Programm bereits auf meinem PC installiert und ist ohne Fehler oder Probleme gestartet.

Der Kartenleser

Der Personalausweis in der Bundesrepublik Deutschland enthält schon seit einigen Jahren einen RFID Chip mit einem Zertifikat sowie Daten über den Besitzer. Dies wurde mir auch damals schon bei der Beantragung auf dem Einwohnermeldeamt gesagt, aber da hieß es bloß: „Das nutzt eh keiner.“

Um diesen Chip auszulesen braucht es also ein entsprechendes Lesegerät. Ich habe gelesen, dass einige Handys diese Funktion haben – meins hat sie nicht.

Auf der Website der AusweisApp2 gibt es eine Übersicht verschiedener, kompatibler Geräte. Ich gehe davon aus, dass ein jedes Gerät dort einen guten Dienst verrichtet. Ich persönlich habe mich aufgrund positiver Vorerfahrung für den Hersteller REINER-SCT entschieden. Nach einem kurzen Entsetzen über die hohen Preise habe ich dann das günstigste Gerät, einen „cyberJack RFID basis“, für knapp 44€ inkl. Versand und USt. bestellt.

Im Grunde sollte wie gesagt jeder Kartenleser aus der Liste gehen. Bei nicht dort aufgeführten Geräten solltet ihr darauf achten, dass die Geräte vom BSI getestet und zertifiziert sind. Das ist wichtig, denn das Zertifikat und die Daten auf eurem Ausweis sind als digitale Berechtigungskarte gedacht. Die darauf gespeicherten Daten sind sehr sensibel und haben einen sehr hohen Schutzbedarf. Ihr habt nichts gekonnt, wenn ihr ein beliebiges Billig-Modell ohne Zertifizierung kauft, welches euch dann im Hintergrund sensible Daten abzieht und weitergibt.

Für mich gab es dann nach dem Anstecken meines neu erstandenen Kartenlesers an den PC jedoch das böse Erwachen. Die AusweisApp2 hat den Kartenleser zwar gefunden, jedoch bemängelte sie, dass kein Treiber installiert und das Gerät damit unbenutzbar ist. Auf der Herstellerwebsite wurden lediglich Treiber für Ubuntu Versionen angeboten, die quasi älter als die Steinkohle sind.

Nach etwas Recherche beim Hersteller und im Ubuntu Wiki stellte ich fest, dass ich noch diverse Pakete brauche, damit der Kartenleser korrekt erkannt wird. Also mit sudo apt update && sudo apt install libccid libifd-cyberjack6 pcscd installiert, einmal mit sudo systemctl enable pcscd && sudo systemctl restart pcscd den benötigen Daemon aktiviert und durchgestartet und im Anschluss die AusweisApp2 nochmal komplett neugestartet – und schon wurde der Kartenleser erkannt.

Der Kartenleser in der AusweisApp2
Der Kartenleser in der AusweisApp2

Fürs Protokoll…

Nachdem ihr euren Personalausweis beantragt und bekommen habt, habt ihr auch einen Brief dazu erhalten. Darin steht, neben einer PUK, auch eine fünfstelliger Transport Pin. Nutzt ihr die AusweisApp2 zum ersten Mal, benötigt ihr diese Pin und müsst sie auf eine private, sechsstellige Pin ändern.

An dieser Stelle also die Empfehlung: Sucht mal den Brief, während euer Kartenleser noch in der Zustellung ist. Sollte dieser nämlich weg sein, müsst ihr erst einmal auf euer Einwohnermeldeamt gehen – dort kann euch dann ein neuer Brief ausgestellt werden.

Fazit

44€ sind zwar eine ganze Menge Geld für einen stupiden Kartenleser, aber es hat sich trotzdem gelohnt.

Wenn ich einmal rechne: 37 km Strecke (x2) bei 6,5 Liter Verbrauch und den aktuellen ~1,73€ pro Liter Super. Heißt also, ich habe alleine 8,32€ Fahrtkosten gespart. Dann ist die Bearbeitungsgebühr nochmal (unbekannt) günstiger und ich habe mindestens 3 Stunden Zeit gespart. Die geringere Umweltbelastung und der geringere Verschleiß am Fahrzeug kommen natürlich auch noch hinzu. Zudem können sowohl Ich, als auch Freunde und Familie das Gerät immer wieder benutzen, wodurch es sich sehr schnell amortisieren wird.

Auch wenn ich zumindest i-KFZ als typisches Digitalisierungsprojekt deutscher Behörden erlebt habe (IPv4 only, sehr gewöhnungsbedürftige und altmodische Weboberflächen, …) hat das ganze doch zuverlässig und ohne Probleme funktioniert. Keine nervige Fahrerei, kein Warten, keine Diskussionen mit Mitarbeitern der Behörde – einfach Durchklicken. Am Ende kam ich direkt in das Online-Portal meiner Bank und konnte die Bearbeitungsgebühr zahlen. Der Zeitaufwand für die Ummeldung lag bei gerade mal ca. 15 Minuten. Das war wirklich angenehm!